Quo vadis Tschechoslowakischer Wolfshund?

Seit 1999 beobachte ich die Zuchtaktivitäten intensiv, da ich seitdem auf der Suche nach einem Tschechoslowakischen Wolfshund war. Diese „Marktbeobachtung“ ist in Deutschland nicht schwer, da es zu dem Zeitpunkt als ich mit der Suche begann, nur wenige Züchter gab.

Erste Informationen über diese Rasse fand ich im Internet. Dort bekam ich auch Kontakte zu Züchtern und Besitzern im Osteuropäischen Ausland. Man gab mir umfassende, ehrliche Auskunft. Besonders fasziniert an der Rasse hat mich der wölfische Ursprung gepaart mit der Sport- und Alltagstauglichkeit. Ich nahm an, diese Hunde seien aufgrund ihres wölfischen Erbes besonders gesund, belastbar, und ausdauernd. Weiterhin nahm ich an, aufgrund ihres Schäferhundanteils seien sie führig, wesensstark und gehorsam. Dieses Ideal wurde in Gesprächen von mehreren Leuten relativiert. Trotzdem hatte ich mich in diese Rasse verliebt.

Über mehrere Jahre hatte ich die Gelegenheit verschiedene Tschechoslowakische Wolfshunde aus der Tschechischen & Slowakischen Republik, sowie aus verschiedenen anderen Ländern (auch aus Deutschland) kennen zu lernen.

Wir waren auf verschiedensten Treffen im In- und Ausland. Wir haben Trainingslager und Wettkämpfe in der Tschechischen Republik besucht. Weiterhin haben wir an Ausstellungen in Deutschland, der Tschechischen Republik und der Slowakei teilgenommen. Mehrere weitere Ausstellungen und Spezialzuchtschauen haben wir besucht, um die Hunde zu sehen.

Bei Wettkämpfen und Körungen lernt man nicht nur viel über die Hunde, sondern sieht die Unterschiede der einzelnen Zwinger. Eine Körung unterscheidet sich von einer normalen Ausstellung insofern, dass der Hund vermessen wird, und die Proportionen genau überprüft werden. Weiterhin wird der Hund einem Wesenstest unterzogen. Durch die genaue Vermessung und den Wesenstest kann man sich ein wesentlich besseres Bild von dem Hund machen, als bei einer Ausstellung. Für die Möglichkeit der Teilnahme an diesen Veranstaltungen bin ich dankbar und freue mich jedes Mal, neue Menschen und Hunde kennen gelernt zu haben.

Im Laufe der Zeit ändern sich manche Dinge. Ich will die Hunde nicht mehr im Ausstellungsring sehen, sondern bei der Arbeit. Ich will wissen, was man mit dem Hund machen kann. Wie er arbeitet und wie er sich im Alltag verhält.

Und so ergab sich, das mich nicht nur das Aussehen der Hunde interessiert, sondern auch ihre „Arbeitsleistung“. Anderer Länder, andere Sitten? Ja und Nein. Haltung, Umgang, Zucht und Ausbildung von Wolfshunden sind ganz eng miteinander verbunden. Und langsam kristallisierten sich für mich deutliche Unterschiede zwischen den Hunden heraus. Ich habe mich gefragt, ob es landestypische Unterschiede gibt. Und in der Tat: Bei der Zucht der Tschechoslowakischen Wolfshunde gibt es landestypische Unterschiede.

Mein nächster Ansatz war also der Umgang mit dem Hund. Wie gehen die Leute in den Ursprungsländern und in anderen Ländern mit ihren Hunden um, was machen sie mit ihnen (im Training) und was unterscheidet sie von uns und unseren Hunden? Ich habe Menschen gesehen, die äußerst professionell und umsichtig mit ihrem Hund arbeiten. Hunde die über einen ausgezeichneten Gehorsam verfügen und absolut zuverlässig in verschiedenen Bereichen arbeiten. Ich habe Menschen gesehen, die sich informiert und bemüht haben, ihrem Hund die Grundbefehle beizubringen und vielleicht auch ein wenig mehr. Ich habe Menschen gesehen, die nichts mit Ihren Hunden gemacht haben- und alle waren zufrieden. Und dann habe ich noch Hunde gesehen, die vor lauter Angst nicht in der Lage waren, irgendetwas zu machen, mit Menschen, die nicht in der Lage waren, diese Situation aufzulösen und es für den Hund erträglich zu machen.

Aber: Es gab in jedem Land ängstliche Hunde und selbstbewusste Hunde. Die Haltungsbedingungen unterschieden sich auch nicht prägnant. Wo also liegt der Unterschied?

Die Antwort ist so einfach wie weitreichend. Der Unterschied liegt in der Zucht.

Wie so oft kann man kein generelles Urteil darüber abgeben: in diesem Land so, und in dem Land anders. Was ich allerdings feststellen konnte ist, dass es tatsächlich größere Unterschiede im Aussehen und Verhalten der einzelnen Wolfshunde in den Ursprungsländern gibt. Auch scheint sich die züchterische Zielsetzung in den Ursprungsländern zu unterscheiden. Das Gros der Hunde aus den Ursprungsländern ist selbstbewusst und zur Arbeit geeignet. Das liegt unter anderem daran, dass genau diese Eigenschaften jahrelang selektiert wurden, und viele Züchter über solche Zuchthunde verfügen und in diesem Sinne weiterzüchten.

Ein weiteres Merkmal, was meiner Meinung verstärkt sind die verschiedenen Zuchtzulassungsbedingungen der einzelnen Länder.

In der Slowakei und der Tschechischen Republik braucht der Hund für eine Zuchtzulassung:

1. Teilnahme an mindesten zwei Ausstellungen

2. HD-Röntgen Ergebnis

3. Bestehen des 40-km Lauf in der vorgegeben Zeit

4. Zuchttauglichkeitsuntersuchung/ Körung mit Wesenstest

 

In Deutschland bedarf es lediglich der Punkte 1 und 2, sowie einer Augenuntersuchung.

Das Wesen und die Gebrauchshundeigenschaften bleiben vollkommen unberücksichtigt.

Und genau bei den Zuchtzulassungsbedingungen muss man ansetzen, um eine homogene Zucht zu erhalten und kontinuierlichen Rasseaufbau zu betreiben.

Unterscheiden sich die Voraussetzungen und Bedingungen werden sich auch die Hunde unterscheiden.

Besonders auffällig ist, dass mehr als die Hälfte aller Nachkommen in Deutschland von Eltern abstammen, die in den Ursprungsländern nicht zur Zucht zugelassen sind, da sie den Wesenstest nicht bestanden haben, oder andere zuchtausschließende Fehler haben.

Das ist möglich, weil sich die Zuchtzulassungsbedingungen unterscheiden.

 

Welche Folgen hat das für die Rasse?

 

In Deutschland findet kein Zuchtaufbau statt.

Es findet keine Weiterentwicklung der Zucht statt.

Und das wichtigste: Die Gebrauchshundeigenschaften der Rasse gehen verloren.

 

Jeder Schäferhund muss neben Ausstellungen, einem 20-km Lauf und eine VPG Prüfung bestehen, bevor er eine Zuchtzulassung bekommt. Nahezu alle Hunde in derselben Klasse (Hüte- und Treibhunde) haben hier in Deutschland Arbeitsprüfungen zu absolvieren, bevor sie in die Zucht kommen. Jeder Labrador Retriever muss mehr leisten um in die Zucht zu kommen als ein Tschechoslowakischer Wolfshund. Beides sind Gebrauchshunde.

Noch mal zur Erinnerung ein Auszug aus dem Rassestandard:

…VERHALTEN / CHARAKTER (WESEN) aus dem Rassestandard:

Temperamentvoll, sehr aktiv, ausdauerfähig, gelehrig, schnell reagierend, furchtlos und mutig. Misstrauisch. Seinem Herrn gegenüber zeigt er ungemeine Treue. Widerstandsfähig gegen Witterungseinflüsse. Vielseitig verwendbar… .

 

Also sind die Käufer gefragt. Wenn die Interessenten Hunde wollen, mit denen sie arbeiten können, Spaß haben können, gesunde Hunde wollen, die fähig zur Leistung sind, sollte darauf geachtet werden, dass der Hund seine Tauglichkeit bewiesen hat. Und damit meine ich nicht einen Ausstellungstitel, sondern einen Arbeitsnachweis.

Die Alternative: Es wird in Deutschland eine Show-Linie gezüchtet. Das ist eine für mich erkennbare Richtung. Ausstellungshunde, die den Rassestandard nicht erfüllen und die keine Arbeitsanlagen mehr haben.

 

Ich habe eine deutsche Zuchthündin beim Wesenstest gesehen. Sie hat ihn nicht bestanden. Aussage der Eigentümerin: „Mein Hund hat einen schlechten Tag.“

Diese Aussage finde ich für einen Gebrauchshund, dem ich unter Umständen mein Leben, oder das Leben anderer Menschen anvertrauen muss, sehr bedenklich.

Für den Hundesport würde ich mir definitiv eine andere Rasse aussuchen. Als Diensthund im Einsatz könnte ich mir wiederum sehr gut einen TWH vorstellen, ohne dass er eine Unterordnung mit Höchstpunktzahl absolviert. Die Leistungen liegen in einem ganz anderen Bereich.

Wer ist für mich der ideale TWH-Besitzer?

Ganz einfach: Einer der viel Zeit für seinen Hund hat, ihn liebt und ihm trotzdem (oder grade deshalb) Grenzen aufzeigt, der mit ihm arbeitet- und Spaß mit und an seinem Hund hat. Einer der die Stärken und Schwächen seines Hundes kennt, ihn trotzdem mag und ihn für immer behalten möchte.

Wer ist für mit der ideale TWH-Züchter?

Ganz einfach: Einer der sich viel Zeit für mich und meine Fragen nimmt. Einer der sich viel Zeit für seine Hunde nimmt. Einer der offen und ehrlich ist- auch die Fehler und Eigenheiten der Rasse und insbesondere seiner Hunde offen darlegt. Einer der ein Ziel mit seiner Zucht verfolgt (und damit meine ich nicht Gewinnmaximierung!). Einer, der alles für die ideale Verpaarung tut und keine Mühen und Kosten scheut, den Idealpartner zu suchen und zu züchten. Einen, der die Rasse weiterbringt.

Was ist für mich der ideale TWH?

Ganz einfach: Ein gesunder, selbstbewusster, dem Rassestandard entsprechender Hund, mit all seinen Fehlern und Vorzügen. Den perfekten Hund gibt es genauso wenig, wie den perfekten Menschen- aber manche sind nah dran.

So, nun gebe ich den Ball an euch weiter. Wie ist er für euch? Und wie wird er werden, der ideale TWH- in Deutschland und im Rest der Welt?

Haben wir bald eine Arbeits- und eine Showlinie?

Haben wir gesunde, ausdauernde Gebrauchshunde oder scheue Sofawölfe?

Übernehmen wir die Bewertungsmaßstäbe der Ursprungsländer und lassen diese in unsere Zuchtzulassungsbestimmungen einfließen?

Quo vadis Tschechoslowakischer Wolfshund?